Geld

Geld ist eine tolle Erfindung, über die sich schon Aristoteles Gedanken machte. In seiner Theorie des Geldes stehen die natürlichen Bedürfnisse des Menschen im Fokus. Um den eigenen Bedarf zu decken, hält Aristoteles den Tauschhandel für angemessen, insofern er der Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern dient. Gewinnsüchtige Erwerbskunst hält Aristoteles dagegen für unnatürlich, weil sie die Gefahr in sich birgt, Reichtum um seiner selbst willen anzuhäufen. Gelderwerb ist demnach nur ein Mittel zum Zweck. Das Ziel des Menschen soll nicht Reichtum sein, sondern ein gelungenes Leben. Wer genug Geld hat, um ein solches Leben zu führen, der hat genug.


Um die nützliche Eigenschaft des Geldes zu erhalten und die negativen zu begrenzen, hat der Finanztheoretiker Silvio Gesell schon vor mehr als 100 Jahren das Konzept des Freigeldes entwickelt. Dem entsprechen die heutigen Regionalwährungen, auch Komplementär- oder Parallelwährung genannt. Ortsgebundene Währungen sind Triebfeder für das Teilen, Tauschen, Kooperieren, Helfen und bringen damit viele ökologische Vorzüge mit sich. Sie stärken kurze Wertschöpfungsketten und verkürzen die Wegstrecken der Versorgung mit einfachen Produkten. Die klare Zuordnung von Produkt und Hersteller befördert das Verantwortungsbewusstsein der Unternehmen und damit auch deren Anstrengungen im Nachhaltigkeitsmanagement.


Mit Regiogeld lassen sich keine Zinsen erwirtschaften. Es stärkt schon allein durch seinen Namen – Chiemgauer, Berliner, Lausitzer oder Thaler – die regionale Identität. Nach Angaben des Regiogeld-Verbandes existieren in Deutschland rund 30 aktive Regionalwährungen. Die tägliche Verwendung des Geldes weckt Heimatgefühle und Lokalpatriotismus. Dieser Effekt verstärkt sich durch die Reflektion über die Möglichkeiten, das Geld auszugeben. Zugleich lernen die Menschen, wie Geld funktioniert.
Wohin auch immer Geld fließt, hat es einen Effekt. Lokales Geld fließt nicht ab, in andere Regionen oder Länder. Es wirkt in einer Region und verbindet die Kommune mit der Wirtschaft. Beispielsweise verbleibt vom Supermarktkauf beim Discounter nur ein sehr kleiner Teil des Geldes in der Stadt, rund 80 Prozent wandern ab.  Ähnlich verhält es sich bei den meisten Ketten für Bücher, Handys, Kleidung. Hingegen verbleiben die Umsätze größtenteils in der Region, wenn die Bürger regional hergestellte Produkte kaufen oder sich auf Inhaber-geführte Läden fokussieren.


Beim Euro muss die Wachstumsrate der Realwirtschaft mindestens so hoch sein, wie der Zinszuwachs im Geldmarkt. Da beim Regiogeld kein Zins erwirtschaftet werden muss, nimmt tendenziell die Wachstumsabhängigkeit der Region ab und der damit verbundene Naturverbrauch. Zugleich lassen sich wirtschaftliche Krisenzeiten um so besser überwinden, je bedeutungsvoller das Regionalgeld ist. Der Subsidiaritätsgedanke kann sich kommunal auch ökonomisch entfalten. Güter sind demnach im Nah-Raum herzustellen, wann immer dies praktisch möglich und ökonomisch sinnvoll ist.


All diesen Vorzügen zum Trotz scheint das Regionalgeld bei den kommunalwirtschaftlichen Akteuren relativ unbekannt oder wird gar kritisch gesehen. Eine Initiative von Idealisten.  Die WF4.0 wird daher viel Überzeugungsarbeit zu leisten haben, indem sie die Potenziale einer eigenen Währung verdeutlicht. Gleichwohl ist die Etablierung oder Stärkung einer eigenen Währung die erste Strategie der Wirtschaftsförderung 4.0.

 

Der Umlauf des Geldes
Es ist Januar in einer kleinen Stadt an der Küste Griechenlands. Es regnet in Strömen, die ganze Stadt scheint verwaist zu sein. Die Krise ist mittlerweile Alltag auch an diesem Ort, alle haben Schulden und leben auf Pump. Da erscheint ein Tourist und betritt das einzige kleine Hotel am Ort. Er hätte gerne ein Zimmer. Er legt einen 100-Euroaa-Schein auf den Tresen der Rezeption und lässt sich die Zimmer zeigen, bevor er sich die Gegend anschaut. Der Chef des Hotels greift nach dem Schein, läuft zum Schlachter und kauft mit den 100 Euro Vorräte für die nächsten Tage ein. Der Schlachter beschafft sich Nachschub bei dem Bauer, von dem er immer die Schweine bekommt. Der Bauer wiederum eilt zur Mühle, kauft dort Getreide. Der Müller gibt die Banknote an seine Tochter weiter, die sich sogleich ein Paar neue Schuhe kauft. Der Inhaber des Geschäfts ist mit einem Freund zum Mittagessen in besagtem Hotel verabredet. Er zahlt mit der 100-Euro-Note, mit der der Hotelier erst kurz zuvor das Haus verließ. Da kommt der Tourist von seinem Gang zurück. Er kann nicht bleiben. Er nimmt den Geldschein und geht.


Das Beispiel verdeutlicht, wozu Geld eigentlich da ist – nämlich für den Tausch von Waren und Dienstleistungen. Die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes bestimmt dessen Funktion als Tauschmittel. Sobald die Markteilnehmer beginnen, das Geld aufzubewahren, etwa für Anschaffungen in der Zukunft oder in der Hoffnung auf Zinsen, steht es in der Gegenwart nicht als Tauschmittel zur Verfügung; es kommt zu Engpässen. Auch beim Euro geraten Unternehmen in Schwierigkeiten, wenn die Konsumenten ihr Geld überwiegend sparen und nur noch das Nötigste einkaufen.


Um einen zügigen Umlauf des Geldes zu ermöglichen, sind beim Regiogeld keine Zinsen vorgesehen. Im Gegenteil, es verliert quartalsweise an Wert. So soll verhindert werden, dass die Teilnehmer das Geld horten und für zukünftige Ausgaben aufbewahren. Dies führt dazu, dass die Nutzer darauf bedacht sind, ihre Wertgutscheine möglichst schnell auszugeben, wodurch sie die regionale Wirtschaft automatisch stärken. Die Zahlungsmoral der Kunden gegenüber Unternehmen erhöht sich. Wird die Ausgabe des Gutscheins vor »Ablauf« jedoch vergessen, wird der Negativzins etwa für die Verwaltung des Geldes oder als Spende eingesetzt. Beispielsweise mit Marken kann das Geld wieder aufgewertet werden.


Es gibt allerdings eine Möglichkeit, der Entwertung beziehungsweise den Gebühren zu entgehen: Wer Regiogeld übrig hat, kann einen Kredit vergeben. Davon profitieren beide Seiten. Der Kreditgeber spart die Haltegebühren, der Kreditnehmer erhält ein zinsfreies oder zumindest zinsgünstiges Darlehen. Leiht sich beispielsweise ein Unternehmen Regiogeld ohne Zinsverpflichtung, muss es seine Produktion nicht ausweiten, um die Zinsen zu erwirtschaften.


Wie das Regiogeld in die Welt kommt und die Rolle der Stadt
Hierzulande entstehen Regionalwährungen fast ausschließlich auf Initiative von Bürgerinnen und Bürgern. Sie müssen viel Zeit investieren, denn es gibt kein Patentrezept für Einführung und Konzept von Regiowährungen. Grundsätzliche Hinweise sind zwar leicht zu finden. Wie die Internetseite aufgebaut sein sollte, zeigt das Beispiel der englischen Stadt Bristol. Aber bevor es richtig losgehen kann, ist viel Überzeugungsarbeit zu leisten, zahlreiche Einzelgespräche sind zu führen. Doch selbst beim besten Willen: Zeitliches Engagement allein genügt nicht. Notwendig ist auch Geld, etwa um Informationsmaterialien zu konzipieren und sie im Rahmen von öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen zu verteilen.


Ein Regionalgeld funktioniert nur, wenn viele Unternehmen mitmachen. Gelingt das nicht, haben Kunden und Betriebe zu wenig Anlaufstellen, dem Geld stehen also nicht ausreichend Leistungen gegenüber. Es kommt zum Stau, weil die Leute nicht wissen, wohin mit dem Geld. So flacht das Interesse ab und das Vorhaben kommt zum Erliegen.
Vor dem Start ist es also von entscheidender Bedeutung, dass genügend Unternehmen verbindlich zusagen. Die wichtigsten Branchen für alltägliche Güter und Dienstleistungen wie etwa Lebensmittel, Energie, Wohnraum und Transport sollten repräsentiert sein.


Aus diesem Grund empfehlen Experten eine aktive Rolle der Stadtverwaltung.  Wie für die WF4.0 insgesamt gilt auch für Regiogeld, dass Politik und Verwaltung mitziehen müssen, etwa im Rahmen von Wirtschaftsförderung, Stadtmarketing und Regionalmanagement. Besonders hilfreich ist zugleich die flankierende Unterstützung von Handwerks- und Handelskammern, was meist mit dem Engagement der Wirtschaftsförderung einhergeht.


Wie viele Aktive sieht auch Frank Jansky, der Gründer des sächsischen »Urstromtalers«, die Politik als maßgeblichen Faktor für den Erfolg oder Misserfolg einer Regionalwährung. Die Akzeptanz der Bürger kommt, so Jansky, mit dem Segen von oben. Es wäre von enormer Bedeutung, wenn man zum Beispiel Steuern in der Regionalwährung zahlen könnte.  Beim »Bristol Pound« war die Stadt schon beim Start der Initiative dabei. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.


Der »Chiemgauer« etablierte sich zwar, obwohl ihn zunächst nur eine Schülergruppe und deren Lehrer in die Welt brachten. Aber auch hier zeigen die Erfahrungen, dass die ehrenamtlichen Möglichkeiten zumindest dann an Grenzen stoßen, wenn die Währung erfolgreich ist. Seit 2007 obliegt der Genossenschaft namens Regio e.G. die Verwaltung des Chiemgauer. Hilfreich ist zudem die professionelle Unterstützung von GLS Gemeinschaftsbank und der VR-Bank Rosenheim-Chiemsee.


Der Reiz
Wenn Unternehmen eine Regionalwährung, etwa namens »Thaler«, akzeptieren, werden sie nach Möglichkeiten suchen, diesen auszugeben, etwa bei ihren Lieferanten. Andere Unternehmen, mit dieser Anfrage konfrontiert, werden ihrerseits die Verwendung des Thalers in Erwägung ziehen. So stimuliert er bereits bestehende Geschäftsbeziehungen und lässt neue entstehen. Weitet sich das regionale Wirtschaftsnetzwerk aus, haben es zum Beispiel Gaststätten leichter, Lieferanten vor Ort zu finden. Das verlagert Wertschöpfung in die Region.  Zudem kann es Existenzgründern reizvoll erscheinen, bestimmte Produkte weiterzubearbeiten oder herzustellen, also beispielsweise Kaffee zu rösten oder Bier zu brauen.


Unternehmen mit verhältnismäßig großen Umsätzen, komplexen Vorprodukten und entfernten Zulieferbetrieben verfügen rasch über mehr Thaler, als sie ausgeben können. Zum Beispiel würde es bei Apotheken oder Elektrofachmärkten zu einem Stau kommen. Diese suchen nun nach Wegen, ihre Thaler auszugeben. Möglich ist das etwa, indem die Gehälter der Mitarbeiter teilweise in Thalern ausgezahlt werden. Wenn nichts mehr geht, bleibt nur der Rücktausch in Euro. Der Verlust von drei bis fünf Prozent, je nachdem wie das Geld konzipiert ist, finanziert die Verwaltung des Thalers oder wird als Spende für soziale Einrichtungen verwendet. Insbesondere Inhaber-geführte Unternehmen werden diesen Verlust eher hinnehmen als Filialen großer Ketten, weil sie sich persönlich der Region verbunden fühlen.